NATALIA VILLANUEVA LINARESNatalia_Villanueva_Linares_D.html
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2 D 1/2


Ein Kunstwerk betrachten heißt notwendigerweise es auf sich selbst beziehen : man kann Dinge nur sehen, wenn man mit ihnen ein innerliches Band knüpfen kann.  Die Arbeit, die Natalia Villanueva 2 D et demi benannt hat – es gibt für diese Idee der « zwei Dimensionen plus ein Stück der dritten Dimension » einen etablierten Terminus : Basrelief ; doch für die heutige Generation ist 2D et demi wohl ausdrucksstärker – habe ich während ihrer Entstehung zum ersten Mal gesehen, das heißt als Natalia angefangen hat, ihre Studentenbude methodisch in Stücke der Größe eines Buches zu zerschneiden, diese in Beutel zu stecken, welche sie sorgfältig in einer Art Bücherregal  aufgestellt hat.


Diese paradoxe Zerstückelung hat in mir unmittelbar eine vage Erinnerung geweckt, ein seltsames Gefühl, das mit einem Ereignis meines Lebens zu tun hatte, doch ohne dies genau definieren zu können. Es war etwas in dieser minutiösen Ausführung einer vollkommen unvernünftigen Handlung, das meiner eigenen Welt nicht fremd war. Die vage Erinnerung hat schnell eine konkrete Form angenommen : es war eine Episode aus meiner Kindheit, eine dieser Anekdoten, die regelmäßig am Ende der Familientreffen erzählt werden, und die in meiner Jugendzeit eine regelrechte Familienlegende war.


Mein Onkel, ein sehr ordentlicher Mensch, bewahrte ein Fahrrad in seinem Keller auf. Meine Tante, die ebenfalls einen großen, wenn auch etwas anderen, Ordnungssinn besaß, regte sich beständig über dieses im Weg stehende Objekt auf, das mein Onkel altersbedingt nicht mehr benutzte. Eines Tages war mein Onkel die Klagen meiner Tante leid und entschied, dem Streit ein Ende zu bereiten.  Nicht etwa, dass er das Fahrrad verkauft oder verschenkt hätte, das hätte einer allzu gewöhnlichen Logik entsprochen, sondern indem er es wahrhaftig mit einer Metallsäge in hundert 10 cm lange Stücke zersägte, die er sorgfältig in einer Kiste verstaute, welche ihren Platz in einem Schrank bekam. Die Geschichte faszinierte mich, genauso wie das Objekt selbst, das jedem auf Anfrage gezeigt wurde : meiner Tante diente es als Beweis dafür, dass mein Onkel den Kopf verloren hatte, meinem Onkel war es ein Zeugnis  dafür, wozu ihn die ständigen Quälereien seiner Frau getrieben hatten.


Ich war 12 oder 13 Jahre alt und wusste damals nicht, dass man dieses konflikt-beladene Objekt als Kunst bezeichnen konnte : aber es handelte sich tatsächlich um Kunst, das heißt um eine unerwartete und plastisch wirkungsvolle Antwort auf eine ganz banale Frage, eine Antwort, die in der Lage war, den Blick eines Menschen auf die ihn umgebende Welt zu erneuern.


Natalia Villanueva hätte einen Roman über die Studentenbude schreiben können, aus der sie ausgezogen ist, um, wie sie mir sagte, in eine entweihte Kirche irgendwo in Illinois zu ziehen und einen Strich unter ihre Kindheit zu ziehen. Doch sie hat eine bessere Lösung gefunden : sie hat der Mansarde von ihrem Statut eines verlassenen Raums direkt zum Statut eines Bibliothekobjekts verholfen.


Ihre Zerstückelung ist eine nostalgische und präzise Liebesgeste, von bewundernswerter Prägnanz und Erfindungskraft, kurz : ein Werk… (ich höre hier lieber mit meinem Plädoyer für eine liebevolle Zerstückelung auf, sonst hält man es noch für eine Verteidigung Landrus).


Didier Semin, Kurator, Centre Georges Pompidou