MARCOS AVILA FOREROMarcos_AVILA_FORERO_D.html
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Ich ähnele dem, der immer einen Stein seines Hauses in seiner Tasche mit sich trägt, um der Welt zu zeigen, wie es bei ihm zu Hause aussieht.

Bertolt Brecht

 

Die Objekte, die Ideen und die Menschen sind heutzutage dauernd unterwegs, sie reisen über große Distanzen, in großen Mengen und großer Geschwindigkeit.

 

Wie erfassen wir die unterschiedlichen sozialen Realitäten? Wie bewegen und verändern sich die Dinge, die Personen und die Perzeptionen in diesem permanenten Fluss?





CAYUCO, sillage Oujda - Melilla, Marokko


2012, mehrtägige Aktion. INstallation: Video-Projektion, 55’, Reste des Gipsboots, 2m x 1m x 0,50m


In Marokko verläuft eine Straße von der (geschlossenen Grenze) zu Algerien in der Nähe der Stadt Oujda, bis zur Grenze zur spanischen Enklave Melilla. Diese ist die letzte Etappe der illegalen Auswanderer, die versuchen, die europäischen Küsten zu erreichen.


Der Künstler hat ein «Cayuco», ein Fischerboot, das oft für den Transport der illegalen Zuwanderer benutzt wird, in Gips nachgebaut. Diese Skulptur wurde mit Hilfe Illegaler von der einen Grenze zur anderen gezogen und geschoben. Dabei löste sie sich nach und nach auf, während sie eine weiße Spur auf der Straße hinterließ. Sie zeichnete so in situ die Route der Auswanderer-Kandidaten, die für viele tragisch endet.


Die Installation dokumentiert die gesamte Aktion: den zurückgelegten Weg, die durchlaufenen Landschaften, sowie die Überreste des Gipsboots, ein Wrack, das sein eigenes Stranden symbolisiert.




CAYUCO, sillage Saint-Ouen - Tour Eiffel


2012, Nuit Blanche Paris, projet nomade, in Zusammenarbeit mit der Coordination des Sans Papiers, Paris


Auf diesem Parcours hat ein neues Cayuco die historischen Einwanderviertel im Osten der französischen Hauptstadt durchquert. Diesmal haben es illagale Einwanderer gezogen, die den Weg Oujda-Melilla hinter sich haben.




                                                                                  


ZURATOQUE


2013, Ausstellung im Palais de Tokyo, Schuhe aus Jute, Fotos, Wandzeichnung


Im Dezember 2012 ist der Künstler nach Kolumbien zurück gekehrt, um aus ihren Dörfern vertriebene Familien wieder zu finden. Er hat diese Familien aufgefordert, ihre eigene Geschichte auf Jutesäcke zu schreiben und aus den Fäden dieser Säcke Schuhe zu flechten. Zehn Paare dieser «alpargatas» waren im Palais de Tokyo ausgestellt, zusammen mit Fotos der Jutesäcke vor ihrer Auflösung. Auf eine Wand des Ausstellungsraums hat Marcos Avila Forero Episoden der Flucht seiner eigenen Familie gezeichnet, wobei ihm in Farbe getränkte Jutefäden als Malutensilien gedient haben.




                                                                                    



ARMENIA


2012, Fotografien von ephemeren Wandmalereien


Im kolumbianischen Dorf Armenia hat der Künstler eine Freske auf eins der wenigen Häuser, die ein schweres Erdbeden im Jahr 1999 überstanden haben, gemalt. Man sieht dort bewaffnete Männer, eine gewöhnliche Situation in dieser Zone, die seit Jahrzehnten von bewaffneten Kämpfen beherrscht wird. Doch es handelt sich in Wahrheit um eine Szene aus einem anderen bewaffneten Kampf, im Armenien unseres europäischen Kontinents.

Da sich das kolumbianische Armenia in einem Gebiet intensiven Kaffeeanbaus befindet, hat Marcos Avila Forero seine Freske mit konzentriertem Kaffee gemalt, wodurch er das Sepia des ursprünglichen Fotodokuments wiedergiebt.




                                                                              

LA BALSA DORADA (das goldene Floß)


2011, ephemere Skulptur, 3,70m x 2m , Maispflanzen, Bambus


Es ist die Geschichte eines großen Missverständnisses. Als die Spanier das Gebiet im heutigen Kolumbien eroberten, hörten sie die Geschichten der Stammesältesten, die von einem heiligen Ort sprachen, an dem der Stammeschef ein goldenes Opfer (el dorado) auf einem Floß darbrachte. Die Spanier verstanden, was sie verstehen wollten: El Dorado, das Gold. Doch das El Dorado der Muïscas war nur die goldene Farbe des Maiskolbens. Edilberto Mendoza.


Das Floß wurde mit Hilfe der Bewohner von Tenjo gebaut, die die Maispflanzen geflochten haben, die gemäß der Muïsca-Tradition angebaut werden.


Es ist eine überdimensionale Neu-Interpretation des goldenen Floßes, das im Gold-Musuem von Bogota ausgestellt ist, eine Goldschmiedearbeit der Muïscas aus dem VII. bis X. Jahrhundert. 





                                                                    


TONKRÜGE (oder 7 Minuten für eine Botschaft)


2012, Aktion, Video


Nicht weit von Oujda, an der scharf überwachten Grenze zwischen Marokko und Algerien, verlaufen zwei Straßen parallel zueinander, ohne sich jemals zu kreuzen und von einem Niemandsland getrennt.


Der Künstler hat in den Boden traditionneler Tonkrüge Löcher gebohrt, um aus den Krügen Megaphone zu machen. Zwischen zwei Patrouillen der Grenzsoldaten hat er freiwillige Passanten aufgefordert, mit Hilfe dieser improvisierten Lautsprecher Botschaften an die andere Seite der Grenze zu übermitteln. Diese waren ganz einfach Listen von Waren, die regelmäßig über die Grenze geschmuggelt werden.





                                                                                    

SAN VICENTE, EIN TRAINING


2010, mehrtägige Aktion und Installation


Während der Guerilla-Ausbildung im kolumbianischen Urwald stellen die Kämpfer mit einer Machete Gewehr-Attrappen aus Holz her. Mehrere Monate lang trainieren sie mit diesen Objekten, das Geräusch der Schüsse ahmen sie dabei mit der Stimme nach. Das ist der Ausgangspunkt der Aktion-Installation.


An einer Wand ist ein Diktiergerät befestigt, das die Töne des Trainings ausstrahlt. Man hört die Guerilleros “Bam-Bam und Trrratata” schreien, sowie die Befehle ihres Kommandanten: “Quemen” (Feuern).

Ich führe diesen Befehl aus, indem ich die Spitze mehrerer Gewehre, die ich nach Art der Guerilleros hergestellt habe, in Brand stecke. Danach ergreife ich die Gewehre wie echte Schusswaffen und zeichne mit den verkohlten Gewehrspitzen auf die Wand unter dem Diktiergerät die Erinnerungsspuren des Urwalds, wo die Ausbildung stattgefunden hat und die Originaltöne aufgenommen wurden.


Diese Arbeit versucht eine Brücke zwischen zwei sehr unterschiedlichen Kontexten zu bilden, der Akt der Repräsentation bildet in beiden Fällen das Zentralmotiv :


Sie reproduzieren Gewehre und Schussgeräusche, um Kämpfe zu repräsentieren.

Ich reproduziere Gewehre und einen Ort, um ihren Kontext zu repräsentieren






À TARAPOTO, UN MANATI


2011 – Video-Installation, 18 mn


Diese Arbeit zeichnet eine Aktion auf, die sich in Puerto Nariño abgespielt hat, einem Amazonas-Grenzgebiet zwischen Kolumbien, Peru und Brasilien.

Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit den Cocamas realisiert. Mehrere Familien dieses Stammes haben mir die sagenhaften Geschichten des Manati erzählt, eines heiligen Tiers (ähnlich dem Lamantin), das heute praktisch ausgestorben ist. In meiner Arbeit bin ich von diesen Geschichten ausgegangen, um sie in einem sozialen Kontext, der im Begriff ist, sie zu vergessen, wieder zu beleben.

Dank der Erinnerungen, die einem alten Holzschnitzer von diesem Tier geblieben sind, haben wir seine Form in Holz nachgebildet. Dann habe ich einen jungen “sabedor”, der die Initiation in die magischen Rituale erhalten hatte, gebeten, auf dem Rücken dieser Skulptur den Fluss entlang zu reisen, bis zum Tarapoto-See, wo er sie der Strömung des Flusses überlassen hat.






LA SUCURSAL DEL PARAISO


2010 – Video, 5 mn


“Dort nennt man den Ort die Filiale des Paradieses, weil es der schönste Ort auf Erden ist, aber auch weil man dort dem Tod am nächsten ist.”

Im Video sieht man den leeren Laderaum eines Lastwagens. Die starken Stöße lassen auf eine holprige nicht asphaltierte Straße schließen. Ein Schatten bewegt sich im Innern des Lastwagens.

Der eingeblendete Text am unteren Bildrand ist ein Brief. Der Autor erzählt die Geschichte seines Dorfes. Man erfährt, dass er wegen eines Konflikts nicht dorthin zurückkehren kann.

Der Brief gibt keinerlei Auskunft über den Ort, an dem sich der Autor befindet, man ahnt nur, dass er nicht in der Gegend ist, die er beschreibt. Dennoch lässt uns das Bild annehmen, dass der Laster sich der Gegend annähert oder entfernt, doch wir wissen nicht, ob der Autor in dem Wagen ist. Man kann sich genauso vorstellen, dass er an den Ort zurückkehrt oder dass er dort nie ankommt.







CODEX MONTEADENTRO


2010 – Installation.


Material: Transportpaletten (120 x 80 cm), Sägemehl, das beim Aussägen der Holzpaletten entstanden ist.

Aus den Holzpaletten habe ich eine Serie von symbolischen Motiven ausgesägt. Die Paletten dienen danach als Schablonen, um mit dem entstandenen Sägemehl eine Reihe von Bildern auf dem Boden zu formen. Die Paletten stehen an den Wänden hinter den Bildern.

Die Palette wird hier nicht mehr als Unterlage zum Transport von Material benutzt, sondern als Informationsunterlage zur Repräsentation eines Territoriums.

Dieses Riesen-Mosaik stellt die Grundelemente der Agrar-Wirtschaft in der Gegend um Calguan (Kolumbien) dar : Banane, Kakao, Zuckerrohr und Koka-Blatt.






VILLAHERMOSA, EIN JUTE-SACK


2010 – Installation. Zwei Fotos und ein Paar Schuhe aus Jutesackleinen.


Auf dem Boden : ein Paar Schuhe. Es sind “alpargatas”, in Kolumbien traditionnell aus Jutesackleinen hergestellte Schuhe.

Auf einer Wand dahinter : zwei Fotos, die uns Vorder- und Rückseite eines Jutesacks zeigen, den ich “entwebt” habe, um aus den Fäden die Schuhe zu fabrizieren.

Ein spanischer Text ist auf den Sack geschrieben : die Aussagen eines kolumbianischen Bauern, der vor der Gewalt sein Land fluchtartig verlassen hat.

Die Textspuren sind in die Schuhe eingewebt, aber unlesbar.

Textauszug : “Ich arbeitete auf dem Feld, eine Stunde von meinem Haus entfernt, als ich plötzlich eine Schießerei hörte. Ich habe mich in meinem Feld versteckt, nicht bewegt und gewartet, bis ich keine Schüsse mehr hörte. Ich habe dann beschlossen, nach Hause zu gehen, um zu sehen was passiert war. Unterwegs habe ich einen meiner Nachbarn getroffen, der mir gesagt hat, dass eine der bewaffneten Gruppen meinen ältesten Sohn entführt hat… ”

Anonyme Aussage, aufgezeichnet vom IKRK






BANANOS


2010 – Installation


Am Eingang eines Raumes liegen Bananenschalen auf dem Boden. Im Zuge der natürlichen Oxidation der Bananen, die sie progressiv schwarz werden lässt, erscheinen auf die Schalen gedruckte Texte, die jedoch wieder verschwinden, sobald die Bananen völlig schwarz werden.

Die Texte reproduzieren Auszüge aus amerikanischen Geheimdienstberichten der 40er Jahre, die alle einen Bezug zur Expansion des Bananenmarkts in Latein-Amerika haben. Heute sind die damaligen Top-Secret-Berichte der Öffentlichkeit zugänglich. Sie enthüllen mit 50 Jahren Verspätung den Umfang der menschlichen Opfer, den die Bananenrepubliken gefordert haben. 






CANOA ° 1


2007 – Video, 5mn43


An einem Strand baut ein Mann bei einbrechender Nacht ein Boot aus Karton. Als er es fertiggestellt hat, zieht er das Boot zum Meer und verschwindet schließlich hinter den Wellen und in der Dunkelheit.

Der amateurhaft geschnittene Film erinnert an spontane Aufnahmen eines zufälligen Augenzeugen eines Ereignisses. Das Meeresrauschen wird im Laufe des Videos immer stärker.







QUENAS (Flöten)


2007 – Intervention


Die Quena ist eine traditionnelle Flöte der Anden. Ihre Form ist extrem einfach : ein Einschnitt und einige Löcher in einem Stück Bambus.

Diese Intervention fand in der Malmaison statt, dem Schloss von Joséphine de Beauharnais bei Paris, das unter anderem für die große botanische Sammlung bekannt ist, die die erste Ehefrau Napoleons aus den exotischsten Weltregionen nach Frankreich kommen ließ.

Im Bambusgarten der Malmaison wurden die Spitzen der Bambusrohre zu Quenas geschnitten. Sie wurden so zu pflanzlichen Artefakten.






MUCHA SAL


2007 - Performance


Der Künstler hat auf dem Boden eine große Menge Salz ausgebreitet. Die Zuschauer sitzen oder stehen um diesen Salzhaufen. Er nimmt nach und nach je eine Handvoll Salz und überreicht sie den Zuschauern, dabei flüstert er ihnen ein Fragment der Geschichte der Salzminen von Zipaquirà ins Ohr, einer der größten Minen des südamerikanischen Kontinents, die im XX. Jahrhundert zu einem Kultort wurde, mit der Errichtung einer unterirdischen Kathedrale aus Salz.


Das Salzgeschenk wird hiermit selber zum Rituell, begleitet von den Satzfetzen, die aus jedem Teilnehmer einen Teilhaber der Geschichte machen, er wird sozusagen der Teilhaber eines wertvollen Geheimnisses.

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