LUZIA SIMONSLUZIA_SIMONS_D.html
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Rätselhafte, gefährliche Schönheit


Ungewöhnlich ist die Bildtiefe, die matte Schwärze des entmaterialisierten Hintergrunds, was die atemberaubende Plastizität der natürlichen Objekte eindringlich betont: Die Tulpen-blüten wirken in den großformatigen Fotoarbeiten von Luzia Simons dreidimensional. Selbst wenn die Blumen am Bildrand angeschnitten sind, scheinen sie in Objektkästen zu liegen oder in einem diffusen Raum ohne Richtung, ohne oben und unten, zu schweben. Mal sind es einfache Kompositionen aus nur zwei Blüten, mal komplexe, ja opulente Gebilde aus übereinander liegenden Schnittblumen einschließlich Stängeln und Blättern. Die Tulpen haben in ihrer naturalistischen Abbildung eine ungeheuerliche Präsenz und wirken oft un-heimlich, weil uns ihre überwuchernde Gestalt zu bedrohen scheint. (...)

Die Künstlerin ist durch die digital erzeugten Bilddaten in hoher Auflösung in der Lage, riesige Formate herzustellen. Durch das Zusammenfügen einzelner Bildteile entstehen mehrere Meter breite, panoramische Diptychen oder Triptychen.


Dabei ist die Blume zunächst eine bestäubungsbiologische Spezies der Blütenpflanzen; Blumen und Blüten dienen in ihrer Farbenpracht, rein botanisch gesehen, der Anlockung von Bestäubern und somit der Fortpflanzung. Schmetterlinge, Bienen, Hummeln und Käfer sollen auf ihnen landen oder in sie hinein-kriechen. So sind viele Blumenfotografien auch eine Studie zur Sexualität. Eine sinnliche, jedoch nie anzügliche Komponente ist auch in Luzia Simons’ nahansichtigen Blumenstill-leben latent vorhanden: Die aufplatzenden Knospen, die Fleischlichkeit der leicht oder weit geöffneten Blütenblätter, die aufrecht stehenden Staubfäden oder Fruchtknoten mit den verspritzten Pollen lassen durchaus sexuelle Assoziationen zu. Hierin wird der Moment höchster Fertilität und doch nur ein kleiner Ausschnitt aus dem unendlichen Zyklus des Lebens gezeigt. Jedem Höhepunkt folgt unweigerlich der Verfall.


Jenseits einer bloßen L’art pour l’art inszeniert Luzia Simons ihre Blumen in einer einzig-artigen Kombination aus Materialgenauigkeit, Schönheit und Vanitas. Sie dekonstruiert herkömmliche Bildvorstellungen dieser Motive, wie florale Ornamentik, Muster oder Dekor, indem sie sie zur Kunst erhebt. Die Technik, die sie dabei für ihre Arbeiten wählt, ist ebenso außergewöhnlich: Für ihre Tulpenarrangements mit dem Werkgruppentitel Stockage (was im Französischen „Lagerung“ – auch im Sinne des Handels – bedeutet) benutzt sie keine Kamera, sondern einen besonderen Scanner, mit dem sie eine unvergleichliche räumliche Bildtiefe erzielen kann. Das Besondere an ihren so produzierten Scanogrammen sind der auf die Glasplatte des Scanners gefallene Blütenstaub, der statt der klassischen Vertikal-Horizontal-Aufteilung ein Vorn und Hinten betont, sowie der dunkle Fond, vor dem die Blumen als skulpturale Formen erscheinen. Die Darstellung der Tulpen oszilliert dadurch zwischen extremer Nähe und großer Distanz.


Anders als beim flächig wirkenden Fotogramm, um 1920 parallel von mehreren Mitgliedern einer künstlerischen Avantgarde erfunden, wo sich das gewählte Objekt mit seiner Kontur auf dem lichtempfindlichen Fotopapier wie sein eigener Schatten nachzeichnet und als Bild materialisiert, sind Simons’ Scanogramme fantastische, illusionistische Raumbilder. Diese beiden Arten der Bilderzeugung, bei denen gänzlich auf eine Kamera verzichtet wird, stehen der Fotografie allerdings nur nahe; ähnlich wie bei der Entstehung der Fotogramme ist auch bei Simons das Atelier während des Scanvorgangs, der bis zu einer Stunde dauern kann, abgedunkelt. Während in der traditionellen analogen Fotografie reflektiertes Licht durch die Linse in die Kamera fällt, wird beim Scannen die Oberfläche des Bildgegenstands mit Licht abgetastet und in einen Datenalgorithmus umgerechnet, der wiederum nur mit Hilfe eines Computers gelesen und visualisiert werden kann. Die Scan-Daten, die auf einer höchst präzisen, nichtfokussierten Ganzfeldmessung beruhen, werden schließlich wie eine analoge oder digitale Fotografie als Lightjet belichtet und auf einen Bildträger hinter Plexiglas montiert.


In der Wahl floraler Motive steht Luzia Simons nicht allein; in jüngster Zeit ist dieser Motiv-komplex innerhalb der künstlerischen Fotografie immer öfter Ausgangspunkt neuer, experimenteller Betrachtungen: Blumenvasen werden zerschossen und im Moment der Zerstörung dokumentiert, Einzelblüten werden vor nackten menschlichen Körpern präsentiert und Blütenblätter und –stängel zu sexuellen Anspielungen umgedeutet. Blumen werden beim Vertrocknen, Verblühen oder Verwesen, teilweise in tagelangen Belichtungen, beob-achtet oder zu überbordenden Bouquets angeordnet. Jedes zeitgenössische Arrangement von Blumen ist eine Domestizierung der Natur und entspricht immer auch den ästhetischen Vorstellungen der Künstler.


Bei Luzia Simons aber verbinden sich Illusionismus und Naturalismus auf einzigartige Weise; bei der Betrachtung ihrer Bilder entsteht augenblicklich der Wunsch, die Blumen zu berühren, um sich ihrer Schönheit vergewissern oder ihrer haptisch habhaft werden zu können. Die optische Illusion, der Trompe-l’oeil-Effekt der Renaissance, hat bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt.


Angesiedelt zwischen Herbarium und Hortus conclusus inszeniert die Künstlerin die Tulpen auch als Referenz an barocke holländische oder flämische Blumenstillleben und lässt dabei an die „Tulpomanie“ und die ruinösen Handelsgeschäfte rund um Tulpen und deren Zwiebeln im Holland des 17. Jahrhunderts denken. Bis heute ist das Land mit mehr als Tausend gängigen Sorten weltgrößter Tulpenproduzent.


Simons’ Kollegen Irving Penn, der sich für seine Blumenstillleben in der Weihnachtsausgabe der amerikanischen Vogue in den 1960er Jahren Tulpen aus den Niederlanden einfliegen ließ, und Rémy Markowitsch, mit seinen zeitgenössischen Blumenbildaneignungen aus Gartenhandbüchern, in denen er die Geschichte der damaligen, nach Ländern benannten Optionen auf Tulpenzüchtungen in Erinnerung ruft, haben ihren fotografischen und künst-lerischen Blick ebenso auf diese Zierpflanzen konzentriert. Bei allen wird die einzelne Blume – unter besonderer Betonung ihrer Farbigkeit – zur skulpturalen, ja körperhaften Erschei-nung. (...)

Luzia Simons dekliniert mit ihrer breit angelegten Stockage-Serie seit 1996 einen aus-gewählten Blumen-Kanon variantenreich durch und kommt zu immer wieder neuen, über-raschenden Bildlösungen. In der Verwendung der ungewöhnlichen, neuen Produktions-technik gehört sie zu den Pionieren auf diesem Gebiet. Extreme Querformate im Seiten-verhältnis von 1:4 standen am Beginn ihrer Serie, inzwischen sind Hoch- oder quadratische Formate sowie mehrteilige Arbeiten hinzugekommen, die zwischen kleinen und riesigen Größen variieren – und in den Ausstellungsräumen spannungsreich arrangiert sind.


Dort tauchen gelegentlich auch abstrahierte, mosaikartig zusammengesetzte Blüten als Bodeninstallationen auf, die allerdings nur von oben als Form erkennbar werden. Die son-derbaren Puzzlearbeiten bestehen aus Tausenden kleiner farbiger Bestandteile, aus zuckerwürfelgroßem türkischen Lokum, das die Künstlerin an die Süßigkeiten ihrer Kindheit in Brasilien erinnert. Die Süße der gelben und roten Sirupwürfel verkörpert eine erdige Schwere und nicht die Leichtigkeit der gescannten Blumen; überdies kontrastiert die flach auf dem Boden liegende stilisierte Blume formal aufs Schärfste die hyperrealistischen zwei-dimensionalen Raumillusionen ihrer Scanogramme. Doch beiden Erscheinungsformen liegt Simons’ künstlerische Fähigkeit zugrunde, Flächen in jeder Dimension souverän zu be-spielen, sei es einen Raum, eine Wand oder ein Bildgeviert, und dabei auch die jeweiligen Begrenzungen mal subtil, mal radikal zu betonen.


Die Blume als Ware auf dem lokalen wie globalen Markt wird für sie inhaltlich schließlich zu einer kulturellen Frage, die stellvertretend für das Thema Migration steht – eine ihrer zen-tralen Fragestellungen, auch in anderen Werkgruppen. Die Tulpe als Motiv einer ehemals urwüchsigen asiatischen Wildpflanze und inzwischen neuzeitlichen westeuropäischen Überzüchtung mit den abenteuerlichsten Zeichnungen der Blütenblätter – als Motiv zwischen Natur und Kultur – wird zum bloßen Material auf dem Weg zu einer ätherischen Schönheits-utopie. In ihrem Nomadentum, auf der Wanderschaft von Asien nach Europa, wird sie gewissermaßen auch zum Alter Ego der Künstlerin auf deren Lebensweg von Brasilien über Frankreich nach Deutschland: wo stecken die (eigenen) Wurzeln, wo sind sie abgeschnitten oder haben vielleicht bereits neu ausgeschlagen? (...)


Matthias Harder – Leiter der Helmut Newton Foundation, Berlin

Text der Monographie Luzia Simons, Distanz-Verlag Berlin, 2012