HAKIMA_EL_DJOUDI_D.html
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Die kleinen Armeen



Hakima El Djoudi beschäftigt sich, neben anderen Aktivitäten, mit einer Art « Konfektions-Kollektion », bei der man nicht genau weiß, ob sie näher an Odysseus kriegerischen Aktivitäten oder an Penelopes geduldiger Beschäftigung sind. Sie stellt Armeen mit kleinen Soldaten her, sie sind alle gleichermaßen « gebildet », nach und nach hergestellt, bis sie in Reih und Glied marschieren können. Jede dieser Figuren ist ein Origami. Sie sind alle gleich gefaltet. Hakima kennt eigentlich keine andere Faltform. Sie ist übrigens keineswegs von dieser traditionellen und volkstümlichen Praxis fasziniert. Doch sie weiß, wie man kleine Soldaten fabriziert. Diese sind aus Geldscheinen gefaltet. Ein Schein für einen Soldaten. Eine Devise für eine Armee. Aus einem Packen algerischer Banknoten baut sie eine algerische Armee auf, mit einem Bündel koreanischer Geldscheine stampft sie eine koreanische Armee aus dem Boden. Das Geld ist – das versteht sich von selbst – die Triebfeder des Kriegs.


Doch die traditionelle japanische Faltkunst ist dem Phänomen Krieg schon begegnet. Die verbreitetste Origami-Figur ist der japanische Kranich, der größte Stelzvogel der Welt. Diese Figur geht auf eine Legende zurück, der zu Folge jeder, der tausend Kraniche faltet, alle seine Wünsche erfüllt sieht. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist dieser Spruch zu einem Symbol des Friedens geworden. Dieses Symbol ist mit der Geschichte eines jungen Mädchens verbunden : Sadako Sasaki war als Kind den Strahlen der Atombombe von Hiroshima ausgesetzt. Sie kannte die Legende und machte sich daran, tausend Kraniche zu falten, um zu heilen. 1955 starb sie mit 12 Jahren an Leukämie, nachdem sie 644 Papier-Kraniche gefaltet hatte. Ihre Klassenkameraden falteten die restlichen Kraniche, und sie wurde mit einer Girlande von 1000 Kranichen beigesetzt.


Andererseits vermischen die von Hakima El Djoudi inszenierten Militärparaden ganz subtil zwei unterschiedliche Gesichtspunkte, was den « Wert » einer Armee betrifft. Eine Militärparade versteht sich vor allem als Demonstration des finanzielllen Engagements einer Nation in ihr Ver-teidigunsgssystem. Die militärische Macht hat im Zeitalter der Abschreckung kein Interesse, sich zu verbergen, sie muss sich im Gegenteil offen expansiv zeigen. In Friedenszeiten muss man zeigen, wie viel das alles kostet. Doch unterschwellig stellt sich bei der Betrachtung dieser kleinen Papiersoldaten eine andere, verstörende Frage. Denn in Kriegszeiten gilt eine andere Zählweise und Wertschätzung, nämlich die der Menschenopfer.


Jean-Yves Jouannais (Auszug), Salon de Montrouge 2011







Hakima El Djoudi praktiziert unterschiedliche Medien und Ausdrucksformen: Video, Installation, Performance und Skulptur.

Während ihrer Arbeitsaufenthalte in Seoul und Istanbul hat sie Geldscheine gesammelt und damit “kleine Armeen” aufgestellt. An Stelle der Soldaten: sorgfältig gefaltete Geldscheine, die an Uniformhemden erinnern. Heute präsentiert sie diese Parade-Einheiten auf Sockeln, nachdem sie sie lange Zeit in Rahmen ausgestellt hat. (…)

Ihr Traum? Eine Art Atlas der Finanzwelt erstellen. Ihre Arbeit ist eher ein “Blick auf die Uniformisierung der Welt” denn ein “Diskurs über Macht und Machtstrukturen”. Die Kunstwelt kennt vor allem diese Arbeiten von Hakima El Djoudi. Doch das Werk der Künstlerin hat eine viel größere Spannweite, hauptsächlich im Bereich Video.

Sie arbeitet oft ausgehend von Bildausschnitten aus den Klassikern des amerikanischen Gangsterfilms. Dort sucht sie systematisch Bilder von blinkenden Leuchtreklamen, wie Paradise oder The World is yours. Sie fixiert sie, bevor sie sie per Schnitt-Technik  “reaktiviert, reanimiert”. Auf eine Hausfassade projiziert erhalten sie eine ganz neue Funktion: sie rivalisieren wieder mit den Leuchtschriften der Stadt, doch sie werben für nichts, nur für ihre eigene Aura.  

Ein ähnliches Gefühl der Entfremdung erzeugt eine Serie kurzer Videofilme, in denen eine einzige, in Schleife wiederholte Aufnahme, mit einer gesampelten Musik kombiniert wird. Dadurch entstehen “Anti-Videoclips” voller Melancholie, doch ohne Schwermut.

In L’ennui au bout des lèvres (Die Langeweile auf der Zunge), begleitet Natacha Atlas’ Coverversion von Françoise Hardys Mon amie la rose die aus einem Zug aufgenommene Sicht auf eine Stadtlandschaft, die ins Dunkel oder in zu helles, staubiges Licht getaucht ist. Während uns das Lied immer weiter führt, bleibt das Bild unweigerlich stehen, indem es alle 10 Sekunden an seinen Anfang zurück kommt. Der Betrachter wird in ein “Zwischenbild” gezogen, in die Materie des Films, er ist verloren in der Widersprüchlichkeit zwischen Bild und Ton. Dieses Schwindelgefühl findet man in Land Over, wieder, wo Hakima El Djoudi die Fahrt eines Autos auf einer Landstraße in tiefer Nacht mit den kreisenden Lichtern eines Parkplatzes kombiniert. Bruissement amer (Bitteres Rascheln) folgt dem selben Prinzip, doch diesmal  ist es eine von hinten gefilmte Frau, die sich unserem Blick stellt oder entzieht. (…)


Emmanuelle Lequeux, 2010






 

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