ELISABETH SONNECKE_SONNECK_D.html
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Ordnung und Chaos, System und Zufall


... Die Malerin Elisabeth Sonneck hat eine klare formale Entscheidung getroffen. Auf quadratische Leinwände verschiedenen Formats setzt sie monochrome Farbbahnen und –streifen flächendeckend auf den Bildgrund. Das vielfarbige, symmetrische Ensemble ist reduziert auf vertikale und horizontale Strukturen, die nicht auf ein Zentrum hin orientiert sind. Was auf den ersten Blick als gesetzmäßig konstruierte, auf das Ganze bezogene Planung daherkommt, entpuppt sich bald als improvisierte Lösung, bei der die Bildelemente instinktiv zusammengestellt sind. So wird die formale Härte der Abstraktion durchbrochen, indem Farbbahnen zwar präzise gesetzt, jedoch nicht durch Abkleben entstanden sind. Während sich Form und Farbe als Gegensatzpaar im fließenden Kolorit der ineinandergeschachtelten Streifenbahnen aufheben, wird klar, dass es nicht um das Ideal einer makellosen Malerei geht. Die Wahl der malerischen Mittel, der Umgang mit dem Material, sind wichtig für die Bildwerdung. So verzichtet Elisabeth Sonneck auf den Einsatz von Acrylfarbe. Stattdessen greift sie bewusst auf die langsam trocknende Ölfarbe zurück, die je nach Auftrag verschiedene Verarbeitungen zulässt und entsprechend dem Zusatz von Leinöl und Terpentin Lasuren erlaubt, deren Transparenz eine vielfältige Interaktion der Farbformen erzeugt. Der Farbauftrag, der wahlweise frei mit dem Pinsel gestrichen oder mit einem Spachtel langwierig auf den Malgrund gesetzt wird, erfolgt in mehreren Schichten. Dabei ermöglicht es die Lasurtechnik, eine Farbe zu intensivieren, ihre Dichte zu verändern oder im noch nicht getrockneten Zustand vorhergehende Farbbahnen teilweise wieder abzutragen. Entscheidend für den Aufbau der Bilder ist die Darstellung von Prozessen anstelle von Zuständen. Das Farbspektrum bewegt sich zwischen kraftvollen bis schrillen Grund- und gedämpften Mischtönen. Glänzendes stößt auf Stumpfes, durchlässige Flächen stoßen auf undurchlässige. Es gibt keine Eindeutigkeit von Farben und Formen, von Davor und Dahinter, von Fläche und Raum. Disharmonien werden in Kauf genommen, benachbarte Farben nehmen eigensinnige Qualitätsveränderungen aneinander vor.


Andrea Schmidt, Kunsthistorikerin, 2005 (Auszug)




Schräglage


Elisabeth Sonnecks Wandarbeiten leiten sich grundsätzlich immer von einem vorgegebenen Raumgefüge ab. Der Zugang der Künstlerin zur vorgefundenen Räumlichkeit ist also stets dialogisch. Die bislang realisierten, zumeist temporären Arbeiten sind in drei Verfahrensweisen entstanden:
- Verwendung einzelner Wandflächen eines Raumes als Bildfläche, so dass Bild und Wand materiell identisch sind, wobei sich die Rhythmen der Malerei aus den Raum- bzw. Wandmaßen entwickeln (Rim Shots)
- Installation von Farbflächen, die eigens für den Raum entwickelt werden, auf verschiedenem Trägermaterial (Standbild für Travertin; ritardando; In Anlehnung)
- Verortung autonom entstandener Malerei auf Leinwand im Raum mittels Farbflächen auf Wänden, durch deren Abmessung bezüglich der räumlichen Situation und durch deren Farbgebung in Hinsicht auf die eingefügten Arbeiten auf Leinwand zwischen beiden eine Art "Membrane" gebildet wird (4/4 full house; Pulse 100 und 95)

Jede Wandmalerei wird formal, d.h. den Rhythmus der Farbfolgen betreffend, nur aus den vorliegenden formalen Gegebenheiten des jeweiligen Raumes hergeleitet, also dem Aufmaß zufolge gebildet. Farblich bezieht sie sich sowohl auf die spezifische Raum-Licht-Situation vor Ort, als auch – soweit vorhanden – auf die darin integrierten Bilder. Allen Arbeiten ist die nicht konzeptionelle, sondern erst vor Ort entwickelte Erarbeitung der raumbezogenen Farbtöne durch polychrome, halbtransparente Schichtungen gemeinsam, deren Wahrnehmung sich auf Standort und Entfernung des Betrachters bezieht: Was von weitem eine scheinbar homogene Farbe ist, bricht bei zunehmender Nähe in eine vibrierende, uneindeutige Mehrtonigkeit auf. Der Farbaufbau jeder Fläche ist also stets polychrom, so dass die daraus resultierende Farbigkeit der so nicht materiell vorhandenen Farbtöne aus der Entfernung zwar relativ statisch, nahezu monochrom, aus der Nähe jedoch lebendig zusammengesetzt und pulsierend wirkt.

Die räumliche Situation von Elisabeth Sonnecks Wandmalerei in der NGBK ist eine nicht frontal, bildhaft, sondern immer nur im Vorbeigehen erlebbare Passage vom vorderen zum hinteren, stärker geweiteten Bereich der Ausstellungsräume. Sie wird von der Schräge einer metallenen Rampe – der sich auch die "Schräglage" einiger der (ansonsten immer streng vertikalen) Gliederungselemente der Wandmalerei verdankt – zur Überbrückung einer Stufe bestimmt. Die Größe der gesamten, hier sogar beidseitigen Bildfläche bewirkt, dass die Malerei in der Passagensituation durch Bewegung vor der Fläche erschlossen werden muß, da sie im Gesichtsfeld stets nur fragmentarisch erfasst werden kann. Dieser Aspekt wird durch die von links nach rechts und umgekehrt zu lesenden, abzuschreitenden Flächenrhythmen unterstützt, so dass der Rhythmus sich in die Bewegung des Betrachters einschreibt und körperlich erfahrbar wird, wobei sich die raumbildende Wirkung der Wandmalerei bei zwei einander gegenüber liegenden Wänden noch verstärkt. Durch die unumgängliche körperliche Involvierung des Betrachters geht die Farbwahrnehmung mit der Wahrnehmung des eigenen Standorts und der Selbstwahrnehmung inmitten der Farbe, hier im Bereich zwischen Orange und Grüntürkistönen, einher.

Der vorgegebene Raum wird also nicht als bloßer Hintergrund für Malerei genutzt. Vielmehr werden seine Eigenheiten, auch sein emotional wirksamer Charakter, befragt und berücksichtigt und in die Arbeit einbezogen. Die Künstlerin antwortet mit den Mitteln der Malerei auf seine gegenwärtige Gesamterscheinung, wobei die durch seine Nutzung in den Raum eingeschriebenen Eigenheiten, etwa die im Lauf seiner Geschichte hinzugekommene Abnutzung oder sonstige zufällige Mängel, ebenso mit aufgenommen werden.


Prof. Dr. Matthias Bleyl

in: Selected Artists, Ausstellungskatalog, Hg. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 2009