DEIDI VON SCHAEWENDeidi_von_SCHAEWEN_D.html
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Heilige Bäume


Deidi von Schaewen bereist die Welt auf der Suche nach Bauten, allem, was Architektur ist, große Architektur, die Jahrhunderte überdauert, oder alltägliche, improvisierte Architektur. Paläste, Hütten aus Wellblech oder Erde, Baugerüste, ephemere Dekors für rituelle Feste, Autos oder andere Objekte unter Planen, sie fotografiert die unterschiedlichsten Konstrukte im öffentlichen Raum und erstellt unerwartete Typologien, die die grenzenlose Schaffens- und Erfindungskraft der Menschen unter Beweis stellen. Und wenn sie Pflanzen, Bambusbäume oder Kakteen fotografiert, macht sie auch daraus streng strukturierte monumentale Architekturen. 

Die heiligen Bäume, die sie in Indien fotografiert hat, haben in diesem Corpus einen besonderen Status: sie sind gleichzeitig Vegetation und Architektur, natürlich und konstruiert. Sie beherbergen, manchmal hinter einer Balustrade, Altäre, an denen Hinduisten und Buddhisten in sich gehen, Wünsche tun, Opfergaben darbringen. Die großen Bildformate erlauben es dem Betrachter, sich in den komplexen Windungen und Verbindungen der Pflanzen und der religiösen Attribute zu verlieren. Der wilde Wuchs der hölzernen Materie, der Zweigarabesken, der Lianen und Wurzeln, und die Akkumulierung geschmückter Statuen, von Nischen und Altären voller Opfergaben, ergeben den  Anschein, dass sich in dem selben mystischen Elan eine Rivalität, ein Überbieten zwischen Naturprodukten und Artefakten bildet.

Ist der Pipalbaum, diese Feigenpappel, die in Indien so verbreitet ist und auch Ficus religiosa genannt wird, nicht der in den Vedas zitierte paradiesische Baum, der die Fähigkeit besitzt, sich ständig zu erneuern, genauso wie sich das Universum ununterbrochen regeneriert ? In seinem Schatten hatte Sâkyamuni seine Erleuchtung und wurde zu Buddha. Dank seiner langen Lebensdauer und seiner Rolle als Bindeglied zwischen Himmel und Erde wird er in den meisten Religionen mit dem Göttlichen assoziiert.


Jean-Christian Fleury

Chroniques nomades – festival de photographies de voyages, Reims