Pièces mont(r)ées

 

Die griechischen Skulpturen, die wir heute in ihrem idealen Weiß bewundern, waren früher bemalt, wie die römischen und mittelalterlichen Plastiken, die asiatischen und südamerikanischen Skulpturen.

Côme Mosta-Heirt bemalt keine Skulpturen, er artikuliert seine Kunst im Zwischenraum zwischen Malerei und Skulptur.

Seit jeher.

Und seit jeher, das heißt seit seinen ersten Ausstellungen in der Galerie Eric Fabre in den 1970er Jahren, über seine Teilnahme an der Biennale von Venedig 1988 (…) bis heute, verfolgt er ein Ziel, eine Leidenschaft : eine Malerei im Raum und in drei Dimensionen zu schaffen.

Ich kenne Côme Mosta-Heirt seit langen Jahren und glaubte ihn gut zu kennen. (…) Doch erst bei einem Atelierbesuch im vergangenen Mai habe ich seine Videos entdeckt, ein halbes Dutzend, und erfahren, dass er schon seit 1978 solch kleine Filme herstellt.

« Alle Bildhauer zeichnen », habe ich ihm gesagt. « Brancusi hat fotografiert... Das ist also deine Form der Zeichnung ? »

« Ja », hat er mir vor seinem Computer, auf dem wir seine Videos angeschaut haben, geantwortet. « Ich habe früher viel gezeichnet. Eines Tages habe ich mir gesagt : ‘ Ich werde doch keine Grafik machen und die Fotografie langweilt mich.’ Und so habe ich angefangen, kleine, leichte, sehr leichte Filme zu drehen, parallel zu meiner Bildhauerarbeit ».

Leicht, sehr leicht, sind sie tatsächlich, diese « kleinen Filme », aber vor allem sehr frei, manchmal am Rande des Slapsticks, wie das Video Marine, in dem man einen Maler sieht, der seine Staffelei im Meerwasser vor den berühmten Felsklippen von Etretat (wahrhaftigen Natur-Skulpturen) aufstellt, von den Wellen gebeutelt wird, die seine Staffelei umstürzen und seine Leinwand fortspülen. Man kann das ironisch als Untergang der Malerei interpretieren. « C’est fini » (Das ist das Ende) liest man auf einem der Zwischentitel.

Gut.

Doch Haro Artistes (l’art aux artistes – Die Kunst den Künstlern) aus dem Jahr 2007, ein 14-minütiges Video, das genau so « spinnert » erscheint, ist viel mehr ! Ein wahres Kleinod, voller Fantasie, erfrischender Leichtigkeit, subtilem Humor, in dem die Kunst omnipräsent ist, erfinderisch, spritzig. (…)

Was sehen wir hier? Ein Kunstwerk im Entstehen, das aus dem Konzept gerät. (…) Côme Mosta-Heirt steht vor der Kamera, doch ist unablässig in Bewegung. Um den Hals und an den Armen trägt er Kabel, Lampen, Lichtschalter, und ein Plakat mit der Aufschrift : Haro Artistes. Er schert sich weder um die Kamera-Einstellung noch um die Installation, die er aufzubauen versucht, gibt seinem Assistenten dauernd widersprüchliche Anweisungen : « Nein, so geht das nicht… Richte die Kamera nach links... nach rechts… weiter nach unten… mach die Tür zu… hör mir zu… hol einen Hocker… habs nicht so eilig ! » Er zeigt uns im Grunde alles, was außerhalb des Blickfeldes passiert. Der ganze Spaß am Skizzieren wird hier ins Video übertragen.

Eine Verballhornung des Bierernstes.

Eine geeignete Einführung in das Werk eines vom Kunstbetrieb vernachlässigten Künstlers, der jedoch von einigen Kollegen (und nicht den unbekanntesten) geschätzt, der immer wieder neu entdeckt wird, der schwer zu fassen ist und dem man misstraut, weil er in keine Kategorie passt.

« Ich schwärme für Rembrandt und Minimalismus », sagt er oft, nicht um zu provozieren, sondern weil er hier seine Wahrheit findet, in diesem großen Spagat zwischen zwei gegensätzlichen Polen. « Meine Arbeit ist sehr sinnlich, ich bin ein sinnlicher Mensch, von radikaler Sinnlichkeit. Außerhalb des mainstreams », sagt er und zeigt eine bemalte Skulptur oder eine Skulptur, die sich den Raum aneignet. Er spricht von Carl André und sagt im selben Atemzug, dass er jede Woche in den Louvre geht, um sich ein kleines  Bild von Lubin Baugin anzusehen, einem französischen Malers des 17. Jahrhunderts. Sein Titel : Le dessert de gaufrettes (das Waffeldessert). Man kann es in der zweiten Etage des Richelieu-Flügels sehen. 

Bei seiner Betrachtung versteht man (…), was die Kunst von Mosta-Heirt ausmacht, in ihrer Mischung aus Untertreibung und Ausstrahlung, in ihrer sinnlichen Strenge, eine Kunst, die zugleich souverän und lateral ist, zentral und parallel, als « barock » hat man sie manchmal bezeichnet. Sie ist zweifellos (auch) barock, und ausschweifend, und raffiniert. Unterschiedlich. Facettenreich. Widersprüchlich.

Selbst die Farbe ist bei ihm nicht genau das, was man meint zu sehen: rote, blaue, ockere, nach und nach aufgetragene Farbschichten ergeben das Schwarz oder Dunkelbraun, das seine glatten und glänzenden Rundhölzer der Jambages bedeckt. Das entdeckt man erst nach längerer Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln. (…)

Es geht darum, sich aus einer erstarrenden Form zu befreien.

Es geht darum, Volumen aus Farbe zu schaffen.

Es geht darum, das zu zeigen, was sich in der Kunst entzieht, selbst dem Künstler.

Es zu erfassen, indem man zulässt, dass es sich entzieht.

(…)


Text (Auszüge) : Michel Nuridsany. Ausstellung Pièces mont(r)ées, Galerie de Granville, 2011

 






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